Astrup Fearnley Museum, Oslo
Sehen ist kein neutraler Akt
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Ann Lislegaard
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Cerith Wyn Evans
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P. Staff
Die Ausstellung versteht Licht als eigenständiges und konzeptionelles Medium. Großformatige Installationen reagieren auf die Architektur des Museums und auf die Bewegungen der Besucher, wodurch Sehen zu einer vehement körperlich spürbaren wie intellektuell erweiternden Erfahrung wird. Psychologische, sinnliche und konzeptionelle Dimensionen erzeugen Momente volatiler Wahrnehmung und eröffnen neue Erfahrungsräume. Licht erscheint hier als gestaltende Kraft – von eindringlicher Wucht, vibrierender Energie und präsenter Intensität. Owen Martin, Senior Curator am Astrup Fearnley Museet, erläutert:
„Die Künstler:innen in Grammars of Light eröffnen drei verschiedene Perspektiven darauf, wie künstliches Licht in der zeitgenössischen Kunst zugleich als Material wie auch als konzeptuelles Medium wirksam werden kann.“
- Ein weiterer faszinierender Aspekt von ‚Grammars of Light‘ besteht darin, wie jede künstlerische Position die Architektur des Museums transformiert – und zugleich selbst von ihr überformt wird. Zahlreiche minimalistische Künstler*innen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren – einer für das Medium des künstlichen Lichts entscheidenden Phase – mit Licht arbeiteten, entwickelten ein ausgeprägtes Bewusstsein für das Verhältnis ihrer Werke zu den Räumen, in denen sie gezeigt wurden. Die in ‚Grammars of Light‘ versammelten Arbeiten knüpfen an diese Tradition an, überschreiten sie jedoch zugleich, indem sie fluideren, kontextabhängigen Bedeutungen Raum geben, die durch poststrukturalistische Filmtheorie geprägt sind und das expressive wie analytische Potenzial des Lichts erweitern.— Owen Martin
P. Staff » Penetration
In der Videoarbeit ‚Penetration‘ trifft auf einer vom Boden bis zur Decke reichenden Projektion ein Laserstrahl auf den bloßen Oberkörper eines Mannes. Wie ein präziser Strahl trifft das Licht punktuell gleißend auf der Haut und scheint sogar in den Körper einzudringen. Die Szene oszilliert zwischen klinischer Kühle, erotischer Aufladung und verstörender Nähe. Ist es schmerzhaft? Der Körper als Konfliktzone, Sichtbarkeit als Machtfrage – Licht zeigt sich als ambivalente Kraft zwischen medizinischer Fürsorge, technischer Kontrolle und zugleich als Aggression oder Bedrohung.
„In P. Staffs architektonisch angelegter Videoarbeit beleuchtet und durchdringt ein medizinischer Laser einen Körper und macht erfahrbar, dass die Grenze zwischen Innen und Außen durchlässiger ist, als wir gemeinhin annehmen.“ — Owen Martin
P. Staff » Minimum World
Ebenso in ‚Minimum World‘ wird Licht zu einer höchst spannungsgeladenen Kraft: Holografische Ventilatoren erzeugen einen flimmernden, instabilen Korridor aus stroboskopartigen Lichtschockwellen.
Ann Lislegaard » Crystal World (after J.G. Ballard, The Crystal World)
‚Crystal World‘ verbindet dystopische Science-Fiction mit post-apokalytischen Landschaften. Während Ballards Roman Wälder, Menschen und Dörfer in kristallisiertes Licht verwandelt, entwickelt Lislegaard eine reduzierte, monochrome Bildsprache in Schwarz-Weiß. Ihr Schattenreich eröffnet Raum für Vorstellungskraft und alternative Möglichkeiten. Die digitale Animation erzeugt eine narrative Spannung zwischen Licht und Architektur sowie Zeit und Natur.
„Ann Lislegaards immersive Rauminstallation und großformatige Videoprojektion greifen einen einzelnen Aspekt eines Romans oder Bühnenstücks heraus, erweitern ihn und machen ihn auf neue Weise erfahrbar – wobei dem Licht eine zentrale Rolle zukommt.“ — Owen Martin
Cerith Wyn Evans » StarStarStar/Steer (Transphoton)
Die für diese Ausstellung adaptierte Installation ‚StarStarStar/Steer‘ besteht aus sechs Säulen, angelehnt an antike Säulen, die über den Raum verteilt Licht pulsieren lassen. Gesteuert von einem algorithmischen Zufallsprogramm verändert sich Intensität und Rhythmus des Lichts kontinuierlich. Das Licht herrscht über den freien Raum, lenkt die Bewegungen der Besucher:innen und erzeugt eine dynamische Wechselwirkung zwischen Raum, Zeit und Wahrnehmung – eine Erfahrung, die sinnlich unmittelbar erfahrbar ist.
„Cerith Wyn Evans schafft großformatige, leuchtende Skulpturen, die sich fortwährend wandeln und so auf die Grenzen unserer Wahrnehmung verweisen.“ — Owen Martin
- „Darüberhinaus verbindet die Künstler:innen ein gemeinsamer Bezugsrahmen. Über ihren Einsatz von Licht hinaus regen sie dazu an, über unsere Wahrnehmung der Welt nachzudenken, und laden auf unterschiedliche Weise dazu ein, die Rolle der Sprache in der Hervorbringung von Wahrnehmung zu reflektieren. Dies tritt ausdrücklich in Arbeiten hervor, die Texte aus Lyrik, Theater und Science-Fiction einbeziehen, ebenso wie subtiler in Werktiteln oder in der formalen Struktur einer Arbeit. Das Spannungsverhältnis zwischen gemeinsamen Materialien und Ideen einerseits und den je spezifischen Fragestellungen und Themen der einzelnen Künstler:innen andererseits gehört zu den zentralen Gründen, aus denen sie in dieser Ausstellung zusammengeführt wurden.“— Owen Martin



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Photos and credits:
P.Staff | Minimum World, 2025 | Exhibition view, Grammars of Light | © Astrup Fearnley Museet, 2026 | Photo: Christian Øen | Astrup Fearnley Museet
Ann Lislegaard | Slamming the Front Door (after A Doll’s House by Henrik Ibsen), 2005 | Exhibition view, Grammars of Light | © Astrup Fearnley Museet, 2025 | Photo: Christian Øen
Cerith Wyn Evans | StarStarStar/Steer (Transphoton), 2019 | Exhibition view, Grammars of Light | © Astrup Fearnley Museet, 2025 | Photo: Christian Øen
Ann Lislegaard | Crystal World (after J.G. Ballard), 2006 | Exhibition view, Grammars of Light | © Astrup Fearnley Museet, 2025 | Photo: Christian Øen
Termin: 06. Feb 2026 – 10. May 2026
Adresse: Strandpromenaden 2, 0252 Oslo / Norwegen